Opfer oder Täter

Opfer oder Täter

Diese Diskussion gibt es ja schon lange. Ist der Täter auch wirklich Täter, oder ist er auch Opfer. Und kann das Opfer denn nicht auch etwas dafür?
Eine sehr schwierige Fragestellung, wie ich finde. Ich selbst diskutiere auch immer wieder mit meiner Familie über das Thema Todesstrafe. Es wird dich vielleicht überraschen, aber ich bin grundsätzlich nicht dagegen.
Allerdings möchte ich das Thema gerne von allen möglichen Seiten beleuchten, denn es gibt sehr viel mehr dazu zu sagen und zu tun.
Täter als Opfer
Zunächst gibt es immer einen Tatbestand. Wenn wir von Hitler sprechen, so sehen wir meistens den Barbaren, den Psychopathen, der einige Millionen Menschen auf dem Gewissen hat. So wahrscheinlich die am weitesten verbreitete Sichtweise.
Aber es gibt auch eine andere. Es gibt einen Menschen hinter diesem Psychopathen. Einen Menschen, mit Gefühlen und Ängsten, auch wenn es schwer zu glauben ist.
Hitler hatte es nicht leicht in seinem Leben. Soweit bekannt wurde er von seinem Vater misshandelt, war in seiner Jugend so etwas wie ein Punk. Außerdem litt er unter Parkinson, einer Krankheit, die auch das Denken stark beeinflusst.
So manch einer sucht gerne Erklärungen für die Entwicklung solcher Gewalt. Eine mögliche Ursache ist auf jeden Fall die Gewalt, die er in frühen Lebensjahren am eigenen Leib erfahren musste.
Um es an dieser Stelle klar zu machen: Nein, ich entschuldige keinesfalls irgendeine seiner Gräueltaten und ja, ich habe trotzdem tiefes Mitgefühl mit dem armen, geprügelten Kind, das er einmal war.
Nun sollte man aber auch die damalige Situation und die Erziehung nicht außer Acht lassen. Hitler war damals ganz gewiss nicht der einzige junge Mann, mit der Ansicht, dass die Ausländer und besonders die Juden an der wirtschaftlichen Gesamtsituation Schuld trugen.
Auch diese Ansichten haben sich durch verschiedene Erfahrungen und auch durch die Meinungen einflussnehmender Personen gebildet.
Nun, um das ganze zusammen zu fassen könnte man also sagen, dass Adolf Hitler, der Allgemein als Täter bekannt ist, auch ein Opfer war.
Opfer seines Vaters, der Wirtschaftslage, der Gehirnwäsche, einer Krankheit und so weiter. Dieser Mann hat schreckliche Gefühle ertragen, diese in Radikalität gewandelt und mit Genialität kombiniert um somit eine kleine Weltherrschaft zu erlangen.
Wenn wir ehrlich sind finden wir solche radikalen Gefühle und Ausdrücke auch bei uns. Es kann sein, dass wir von Moslems, Türken und Arabern im Allgemeinen nichts halten, weil sie zum einen sehr Frauenfeindlich aufgezogen werden und zum anderen öfter Mal Bomben in Verlagshäuser werfen.
Wir können uns aber auch ganz allgemein über Frauenfeindlichkeit so stark ärgen, dass wir beginnen die Männer an sich zu hassen. Oder wir regen uns so über Rassismus auf, dass wir selbst rassistisch werden, weil wir die Nazis hassen. Darüber hinaus können wir uns über alle möglichen Themen ärgern, wie zum Beispiel die Sexualisierung unserer Gesellschaft, die Politik, die Jugend von Heute und vieles mehr.
Es scheint in der menschlichen Natur zu liegen, Gruppen von Menschen über einen Kamm zu scheren und ihnen diese Eigenschaften zuzuschreiben. So einfach beginnen wir dann eine ganze Gruppe von Menschen zu verteufeln und werden leicht radikal.
Nur hat es bei den meisten Menschen nicht die gleichen Auswirkungen, wie bei einem Hitler. Die Gefühle und Hintergründe sind aber die gleichen.
Jeder Straftäter ist im Grunde auch Opfer, denn jeder Mensch ist Opfer von irgendetwas oder irgendwem.
Behandlung oder Knast
In Deutschland werden Straftäter oft – wenn überhaupt – zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Manche Opfer bzw. Familienangehörige mag das ein wenig erleichtern, aber ist das wirklich der richtige Weg?
In vielen Fällen wird im Nachinein festgestellt, dass der Täter unter einer psychischen Krankheit, einer Persönlichkeitsstörung leidet oder einfach über zu wenige Spiegelneuronen verfügt.
In dem einen oder anderen Land wird schon heute ausschließlich auf die „Behandlung“ von Straftätern gesetzt, anstatt sie einfach bloß einzusperren.
Jeder Mensch könnte sich „ordentlich“ benehmen aber auch jeder könnte zum Täter werden. Man kann davon ausgehen, dass sehr viele Faktoren darauf Einfluss nehmen, was aus einem Menschen wird.
Alles was ein solcher Straftäter in der Vergangenheit erlebt hat, hat irgendwie dazu geführt, dass er nun zu einem solchen geworden ist. Möglicherweise kann man tatsächlich für alles Mögliche eine Erklärung im Geiste finden und diesen Menschen helfen, glücklicher zu werden, sich gebraucht zu fühlen und keinen Mist mehr zu bauen.
Ich persönlich finde den Ansatz den Tätern zu „helfen“ statt sie einfach zu bestrafen gar nicht schlecht.
Opfer als Täter
Aktion = Reaktion, sagt man doch so schön. Um beim Beispiel Adolf Hitler zu bleiben: Die Juden und Ausländer und wer auch immer haben ihm ja auch etwas getan – in seiner Welt zumindest. Er reagiert ja bloß auf das Unrecht, welches ihm wegen denen widerfährt.
Ein auch oft diskutiertes und leider sehr aktuelles Thema sind Vergewaltigungen. Oft hört man da Dinge, welche die Tat relativieren sollen und darstellen, dass das Opfer doch auch irgendwie selbst schuld an der Situation ist.
Hat sich die Frau zu aufreizend angezogen, geht sie spät abends und auch noch alleine aus dem Haus oder hat sie anfangs sogar mit dem Mann geflirtet, dann ist sie ja selbst schuld. Frei nach dem Motto: Wenn du dich wie eine Nutte verhältst, dann wirst du eben auch so behandelt.
Hier ein schokierender Artikel über die Aussagen eines Vergewaltigers und Mörders dieser inzwischen weltbekannten Gruppenvergewaltigung in Indien.
Warum das auch gerne von Frauen so gesehen wird: Es gibt eine Art Schutz. Ist das Opfer selbst schuld, dann kann man als Frau nämlich Maßnahmen treffen, damit einem selbst das nicht passiert.
Man kann sich sittlich anziehen und nicht alleine und zu spät abends aus dem Haus gehen, nicht flirten oder mit fremden Männern schlafen, dann wird schon nichts passieren.
Passiert so eine Vergewaltigung, dann sind wir nämlich unweigerlich auch damit konfrontiert und müssen uns fragen: Wird mir das auch passieren? Dann müssen wir uns selbst beruhigen und am einfachsten geht das so.
Auszüge aus Google beim Schlagwort Vergewaltigung in Deutschland zeigen aber ein ganz anderes Bild: „Alle 68 Minuten passiert in Deutschland eine Vergewaltigung“ „Jede dritte Frau in Deutschland leidet unter körperlicher oder sexueller Gewalt“ „Vergewaltiger selten verurteilt“ (…)
Auswertungen zeigten außerdem schon mehrfach, dass der Vergwaltiger das Opfer in den häufigsten Fällen bereits gekannt hat. Auch die Erfahrungsberichte, die ich selbst schon gelesen und auch selbst gehört habe beschreiben meistens die Taten von Familienangehörigen oder Freunden der Familie. Die Vorstellung eines Täters, der Nachts aus einem Busch springt ist ziemlich naiv.
Trotzdem – wenn eine Frau bereits einmal vergewaltigt wurde, dann steigt scheinbar die Wahrscheinlichkeit, dass ihr dies noch einmal passiert. Woher kommt das?
Ja, auch das Opfer trägt zu der ganzen Sache ein wenig bei. Denn meistens geht es bei Vergewaltigungen um Macht. Deshalb suchen sich die meisten Vergewaltiger ihre  Opfer nach einem ähnlichen Schema aus.
Ist eine Frau also so ein Mensch, der in das Schema des einen passt, so passt sie wahrscheinlich auch in das Schema eines anderen. Das ist zumindest eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen.
Der beste Schutz gegen eine Vergewaltigung – sollte das überhaupt irgendwie möglich sein – sind dann wohl ein starkes Selbstvertrauen, ein Selbstbewusstes auftreten und klare Grenzen.
Wer trägt die Schuld?
Auch wenn ich schon ein wenig Partei für die Opfer ergriffen habe, hoffe ich doch dass ich die Fakten einigermaßen objektiv präsentieren konnte. Es gibt verschiedene Sichtweisen und keine ist unumstößlich richtig.
Meiner Meinung nach ist jeder für seine Taten selbst verantwortlich. Basta. Der Täter hat in jeder Situation, völlig unabhängig seiner eigenen Opferrolle in anderen Situationen sein Handeln in der Hand und kann sich für oder gegen die Tat entscheiden. Es gibt für Taten, die andere Menschen verletzen auch keine Entschuldigung.
Leider bedeutet das aber auch, dass man sich niemals vollständig davor schützen kann Opfer zu werden. Man kann schon etwas dafür tun. Indem man zum Beispiel selbstbewusst auftritt und ein wenig Menschenkenntnis mitbringt. Viel mehr geht meines Wissens nach aber auch nicht mehr.
Wie denkst du darüber?
Weil das ein sehr kontroverses Thema ist und ich niemals alle Eventualitäten abdecken kann würde ich mich freuen, deine Meinung und deine Erfahrungen dazu zu lesen. Siehst du auch Opfer als Täter oder Täter als Opfer? Glaubst du Täter brauchen einfach nur psychologische Hilfe oder gehören sie doch eher weggesperrt bis ans Ende ihrer Tage? Schreib mir einen Kommentar, ich bin schon gespannt. 🙂

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Christin

    Hallo Christina,
    ich hatte ein gravierendes Problem im Bezug auf meinem Betreuer für meiner Doktorarbeit an einer renomierten Einrichtung. Er hatte vorher noch nie Doktoranden betreut, kannte mich aber schon seit 2 Jahren, da er Forschungsprojekte und Doktoranden koordinierte (nicht betreute!) und somit auch auf den Publikationen stand. Als dann erfolgreich das Geld eingeworben war, war ich unter ihm gestellt und für erfolgreiches Vorankommen auf Ihn angewiesen, auch von der Informationsweitergabe durch Ihn. Hätte ich von Anfang an nicht einen angemessenen Büroplatz verlangt, hätte ich keinen geeigneten Rückzugsraum gehabt um konzentriert arbeiten zu können. Ich fühlte mich extrem angespannt, vorallem weil Aggressionen und Sabotage verdeckt abliefen. Leider (oder auch glücklicherweise) konnte ich mich früh genug aus dem Vertrag lösen, sehr zum Leidwesen der wissenschaftlichen Arbeit, welche ich sehr gern ausübte. Missbrauchsbeziehungen entwickeln sich schleichend.

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